Arzneimittelversorgung
Victoza geht. Liraglutid bleibt. Und Kanada?
Victoza® verschwindet bis Ende 2026 aus dem europäischen Markt. Nicht wegen Sicherheits- oder Qualitätsmängeln, sondern aus kommerziellen Gründen. In Kanada wird das Präparat derzeit weiterhin vermarktet. Für Apotheken zeigt der Fall, warum Arzneimittelversorgung manchmal schon kompliziert wird, bevor überhaupt die letzte Packung verschwunden ist.
Ein Rezept liegt vor. Die Therapie läuft. Der Pen ist bekannt. Nur das Arzneimittel verabschiedet sich.
Novo Nordisk stellt den Vertrieb von Victoza® mit dem Wirkstoff Liraglutid im gesamten EU- und EWR-Raum bis Ende 2026 ein. In Deutschland wurde die Packung mit 2 × 3 ml bereits Ende Juni 2026 aus dem Vertrieb genommen. Die Packung mit 10 × 3 ml soll nach Herstellerangaben noch bis zum 31. Dezember 2026 uneingeschränkt verfügbar sein. Danach ist Schluss. Mit Victoza® in Deutschland jedenfalls.
Kein Sicherheitsproblem. Eine Marktentscheidung.
Liraglutid gehört zu den GLP-1-Rezeptoragonisten. Victoza® ist seit 2009 in der Europäischen Union zugelassen und wird zur Behandlung des unzureichend kontrollierten Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen sowie bei Jugendlichen und Kindern ab zehn Jahren eingesetzt.
Der Rückzug hat laut Novo Nordisk, EMA und Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker nichts mit neuen Sicherheits- oder Qualitätsproblemen zu tun.
Die Vertriebseinstellung erfolgt aus kommerziellen Gründen.
Gleichzeitig wird empfohlen, keine Patientinnen und Patienten mehr neu auf Victoza® einzustellen. Bereits mit Victoza® behandelte Patientinnen und Patienten sollen rechtzeitig auf geeignete Therapiealternativen umgestellt werden; während der Umstellung wird die Beobachtung der Blutzuckerwerte empfohlen.
Für Apotheken ist das eine besondere Versorgungssituation. Das Präparat ist noch da. Aber eigentlich schon auf dem Weg nach draußen.
Damit beginnen Rückfragen, Abstimmungen und Erklärungsbedarf lange vor der letzten Packung.
Opt-out? Nicht ganz.
Wenn ein Arzneimittel vom deutschen Markt verschwindet, fällt schnell ein Begriff: Opt-out. Der passt hier allerdings nicht.
Im AMNOG-System bezeichnet der Opt-out eine spezielle Konstellation im Zusammenhang mit der frühen Nutzenbewertung und den anschließenden Erstattungsbetragsverhandlungen. Ein pharmazeutischer Unternehmer kann sich in dieser Phase gegen die weitere Vermarktung in Deutschland entscheiden.
Bei Victoza® liegt der Fall anders.
Novo Nordisk beendet den Vertrieb nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten EU- und EWR-Raum. Als Grund nennt das Unternehmen kommerzielle Erwägungen. Ein klassischer AMNOG-Opt-out ist das also nicht. Für die Versorgung zeigt sich trotzdem ein grundsätzliches Problem:
Eine bestehende Zulassung garantiert noch keine dauerhafte Marktverfügbarkeit.
Ein Arzneimittel kann medizinisch etabliert, zugelassen und qualitativ einwandfrei sein – und trotzdem aus dem regulären Bezugsweg verschwinden.
Für den Patienten ist diese regulatorische Feinheit an der Tara vermutlich nicht die erste Frage.
„Bekomme ich mein Medikament noch?“ schon eher.
Kanada? Aktuell ja.
Der Blick über den Atlantik liefert zunächst eine interessante Information.
Health Canada führt Victoza® von Novo Nordisk Canada aktuell weiterhin als vermarktetes verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Gelistet ist das Präparat unter der Drug Identification Number 02351064 mit Liraglutid 6 mg/ml.
Gleicher Handelsname.
Gleicher Wirkstoff.
Gleiche Wirkstoffkonzentration.
Treffer?
Für die Recherche: ja.
Für einen konkreten Versorgungsweg: noch nicht automatisch.
Denn ein Datenbankeintrag beantwortet noch nicht, ob eine benötigte Packung zum Zeitpunkt der Anfrage beschaffbar ist.
Und genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen internationaler Arzneimittelrecherche und internationaler Arzneimittelbeschaffung.
Eine Datenbank findet ein Produkt. Versorgung braucht mehr.
Dann kommt Liraglutid STADA ins Spiel
Die Geschichte wäre bereits kompliziert genug.
Während sich Victoza® aus dem europäischen Markt verabschiedet, steht bereits ein weiteres Liraglutid-Präparat in den Startlöchern.
Der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur (CHMP) hat im Mai 2026 eine positive Empfehlung für Liraglutid STADA 6 mg/ml ausgesprochen. Vorgesehen ist das Präparat ebenfalls zur Behandlung des unzureichend kontrollierten Typ-2-Diabetes.
Pharmazeutisch interessant ist dabei nicht nur der gleiche Wirkstoff.
Liraglutid STADA wurde von der EMA als Hybridarzneimittel zu Victoza® bewertet. Hinter diesem etwas technisch klingenden Begriff steckt eine regulatorische Besonderheit: Ein Hybridarzneimittel stützt sich teilweise auf die bereits vorhandenen Daten eines Referenzarzneimittels und teilweise auf eigene neue Daten.
Liraglutid STADA enthält wie Victoza® den Wirkstoff Liraglutid. Der Unterschied liegt unter anderem in der Herstellung: Nach Angaben der EMA wird das Liraglutid von STADA chemisch synthetisiert, während der Wirkstoff des Referenzpräparats Victoza® biologischen Ursprungs ist. Die EMA berichtet zudem, dass für Liraglutid STADA eine ausreichende Qualität und Bioäquivalenz zu Victoza® gezeigt wurden.
Für die Apotheke ist am Ende allerdings eine andere Frage entscheidend: Wann steht das Präparat für die Versorgung zur Verfügung?
Eine positive wissenschaftliche Bewertung ist dafür ein wichtiger Schritt. Ob und wann daraus eine im deutschen Markt verfügbare Alternative wird, muss beobachtet werden.
Damit verändert sich die Ausgangslage für Victoza® weiter. Für die Zeit nach dem angekündigten Marktrückzug wird nicht allein entscheidend sein, ob Victoza® noch irgendwo international beschafft werden kann. Entscheidend ist, welche Liraglutid-Präparate dann in Deutschland verfügbar sind.
Ein Engpass mit Ansage
Bei Victoza® kommt der Versorgungsdruck nicht überraschend.
Der Rückzug ist Monate im Voraus angekündigt. Noch ist eine deutsche Packungsgröße verfügbar, gleichzeitig sollen keine neuen Patientinnen und Patienten mehr auf Victoza® eingestellt und bestehende Therapien rechtzeitig überprüft werden.
Für Apotheken ist das ein seltener Vorteil: Man kann sich vorbereiten, bevor improvisiert werden muss.
In der Praxis bedeutet das:
✔︎ die Verfügbarkeit von Victoza® im Blick behalten
✔︎ bei bestehenden Verordnungen frühzeitig erkennen, wann Abstimmungsbedarf mit der Arztpraxis entsteht
✔︎ die Markteinführung weiterer Liraglutid-Präparate beobachten
✔︎ internationale Beschaffungswege frühzeitig kennen
Denn Versorgungssicherheit beginnt nicht erst bei „nicht lieferbar“.
Sie beginnt dort, wo ein Engpass absehbar wird.
Internationale Beschaffung ist kein Suchergebnis
Genau hier setzt Pharmazeutika 73.3 an. Wir prüfen für Apotheken und Krankenhausapotheken internationale Märkte, Bezugsquellen und Beschaffungsmöglichkeiten.
Bei Victoza® gehört Kanada derzeit zu den Märkten, die dabei relevant sein können. Ob daraus ein Einzelimport wird, hängt von der dann bestehenden Versorgungssituation, der tatsächlichen Verfügbarkeit vergleichbarer Präparate in Deutschland und den gesetzlichen Voraussetzungen ab.
Die Voraussetzungen für Einzelimporte nach § 73 Abs. 3 AMG haben wir bereits ausführlich in unserem Beitrag „Einzelimporte nach 73.3 AMG: Versorgung sichern“ beschrieben. Deshalb soll es hier nicht noch einmal um die Rechtsgrundlage gehen, sondern um die Versorgungssituation rund um Victoza®.
Zum Beitrag „Einzelimporte nach 73.3 AMG: Versorgung sichern“
Die Apotheke bleibt dabei die zentrale Stelle der Versorgung.
Sie prüft, berät und gibt das Arzneimittel ab.
Kein Direktvertrieb an Patientinnen und Patienten.
Die internationale Recherche und Beschaffung laufen strukturiert im Hintergrund.
Denn Versorgungssicherheit bedeutet nicht, bei Google noch irgendwo eine Packung zu finden.
Sie bedeutet zu wissen, ob daraus ein belastbarer Versorgungsweg werden kann.
Und manchmal beginnt diese Arbeit Monate bevor überhaupt jemand „nicht lieferbar“ sagt.
Wir springen, wo andere stocken. Am besten, bevor es überhaupt stockt.
Steckbrief: Victoza® / Liraglutid
Handelspräparat: Victoza®
Wirkstoff: Liraglutid
Wirkstoffklasse: GLP-1-Rezeptoragonist / GLP-1-Analogon
ATC-Code: A10BJ02
Stärke: 6 mg/ml Injektionslösung im Fertigpen
Wirkmechanismus: Liraglutid ist ein GLP-1-Analogon und bindet an den GLP-1-Rezeptor. Die Aktivierung führt unter anderem zu einer glukoseabhängigen Steigerung der Insulinsekretion und einer Verminderung der Glukagonsekretion. Darüber hinaus wird die Magenentleerung verzögert.
Indikation: Behandlung des unzureichend kontrollierten Typ-2-Diabetes mellitus bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab zehn Jahren als Ergänzung zu Diät und körperlicher Aktivität entsprechend der zugelassenen Produktinformation.
Dosierung laut europäischer Produktinformation: Initial 0,6 mg einmal täglich. Nach mindestens einer Woche Steigerung auf 1,2 mg einmal täglich; bei Bedarf kann nach mindestens einer weiteren Woche auf 1,8 mg einmal täglich erhöht werden.
Pharmakokinetik: Nach subkutaner Anwendung wird Liraglutid langsam resorbiert. Die maximale Plasmakonzentration wird nach etwa 8 bis 12 Stunden erreicht. Die absolute Bioverfügbarkeit nach subkutaner Gabe beträgt etwa 55 %. Liraglutid ist stark an Plasmaproteine gebunden. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt ungefähr 13 Stunden.
Kontraindikation: Überempfindlichkeit gegen Liraglutid oder einen der sonstigen Bestandteile.
Wichtige Warnhinweise: Zu beachten sind unter anderem das Risiko einer akuten Pankreatitis, gastrointestinale Nebenwirkungen mit möglicher Dehydratation sowie ein erhöhtes Hypoglykämierisiko bei Kombination insbesondere mit Sulfonylharnstoffen oder Insulin. Aufgrund der verzögerten Magenentleerung sind außerdem die entsprechenden Warnhinweise der Produktinformation im Zusammenhang mit Allgemeinanästhesie oder tiefer Sedierung zu beachten.
Wichtige Nebenwirkungen: Sehr häufig werden Übelkeit und Diarrhö berichtet. Häufig treten unter anderem Erbrechen, Dyspepsie, Obstipation und weitere gastrointestinale Beschwerden auf.
Aktuelle Versorgung Deutschland: Die Packung Victoza® 2 × 3 ml wurde Ende Juni 2026 aus dem Vertrieb genommen. Die Packung 10 × 3 ml soll laut Hersteller noch bis zum 31. Dezember 2026 verfügbar sein. Die vollständige Vertriebseinstellung im EU-/EWR-Raum ist bis Ende 2026 angekündigt.
Kanada: Health Canada führt Victoza® 6 mg/ml, DIN 02351064, derzeit mit dem Status „Marketed“. Die Lieferfähigkeit muss zum Zeitpunkt einer Anfrage geprüft werden.
Weitere Entwicklung: Für Liraglutid STADA 6 mg/ml sprach der CHMP am 21. Mai 2026 eine positive Empfehlung als Hybridarzneimittel zu Victoza® aus. Zulassungsstand und tatsächliche Marktverfügbarkeit sind für die jeweilige Versorgungssituation aktuell zu prüfen.
Quellen
Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker / ABDA: Informationsschreiben zu Victoza® – EU-/EWR-weite Vertriebseinstellung bis Ende Dezember 2026, 10. Juli 2026.
ABDA/AMK – Victoza® Vertriebseinstellung
European Medicines Agency: Victoza® – europäische Produktinformation sowie Informationen zur Vertriebseinstellung.
Health Canada: Drug Product Database – Victoza®, DIN 02351064; kanadischer Produktstatus.
Health Product Shortages Canada: Offizielle kanadische Datenbank für Lieferengpass- und Abkündigungsmeldungen.
Health Product Shortages Canada
European Medicines Agency: Liraglutide STADA – CHMP Summary of Positive Opinion vom 21. Mai 2026; Hybridarzneimittel zu Victoza®, chemisch synthetisiertes Liraglutid, Bioäquivalenz zum Referenzarzneimittel.
EMA – CHMP Summary of Positive Opinion: Liraglutide STADA
Pharmazeutika 73.3: Einzelimporte nach 73.3 AMG: Versorgung sichern.
Pharmazeutika 73.3 – Einzelimporte nach 73.3 AMG: Versorgung sichern